Nachhaltigkeitsanforderungen in der Baubranche: Was Zulieferer wissen müssen
Supply Comply Redaktion
Fachredaktion

Sie liefern Beton, Dämmstoffe, Fenster, Stahlprofile oder andere Produkte an Baukonzerne oder Generalunternehmer. Bisher hat Ihre Qualität gesprochen. Doch seit einigen Jahren verändert sich das Spielfeld: Ihre Kunden fragen nicht mehr nur nach Preis und Lieferzeit, sondern auch nach CO2-Fußabdruck, Umweltproduktdeklarationen und EU-Taxonomie-Konformität.
Wer auf diese Fragen keine Antwort hat, verliert Aufträge. Das ist keine Drohung, sondern Realität. Dieser Artikel erklärt, welche Anforderungen konkret auf Bauzulieferer zukommen und wie Sie sich darauf vorbereiten.
Warum die Baubranche unter besonderem Druck steht
Die Bauwirtschaft ist für rund 37 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich, wenn man den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden einbezieht. Das macht sie zu einem der wichtigsten Hebel in der europäischen Klimapolitik. Die EU und die Bundesregierung haben entsprechend reagiert: Fördergelder, Ausschreibungsbedingungen und Reportingpflichten koppeln sich zunehmend an Nachhaltigkeitsnachweise.
Für Baukonzerne wie STRABAG, Hochtief, PORR, Goldbeck oder Züblin bedeutet das: Sie müssen gegenüber Investoren, Banken und dem Staat nachweisen, dass auch ihre Lieferkette nachhaltig ist. Diesen Druck geben sie direkt an ihre Zulieferer weiter.
Welche Standards und Anforderungen sind relevant?
EU-Taxonomie: Das Fundament
Die EU-Taxonomie ist eine Klassifikation, die definiert, welche Wirtschaftsaktivitäten als "ökologisch nachhaltig" gelten. Für die Baubranche betrifft das insbesondere die Konstruktion neuer Gebäude, die Renovierung bestehender Gebäude und den Kauf und Besitz von Immobilien.
Warum ist das für Sie als Zulieferer relevant? Weil Investoren und Banken von Baukonzernen zunehmend verlangen, dass ihre Projekte taxonomiekonform sind. Und taxonomiekonforme Projekte brauchen taxonomiekonforme Materialien und Produkte. Ihr Kunde wird Sie fragen, ob Ihre Produkte bestimmte Anforderungen erfüllen, vor allem bezüglich Klimaschutz und dem Prinzip "Do No Significant Harm" (DNSH) gegenüber den anderen Umweltzielen. Mehr dazu im Artikel zur EU-Taxonomie für Bauprodukte.
DGNB und BNB: Gebäudezertifizierungen mit Lieferantenauswirkung
Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) des Bundes sind die wichtigsten Gebäudezertifizierungssysteme in Deutschland. Viele öffentliche Bauprojekte werden nach BNB bewertet, viele private nach DGNB.
Beide Systeme vergeben Punkte für den Einsatz von Materialien mit geringem Ökoprofil. Ein Projekt, das DGNB Gold anstrebt, braucht möglichst viele Produkte mit verifizierten Umweltdaten. Das Instrument dafür: die Umweltproduktdeklaration (EPD). Ohne EPD kann Ihr Produkt in der Ökobilanzierung des Gebäudes nicht berücksichtigt werden und fällt im Auswahlprozess hinten runter.
EPDs: Der Nachweis, den Planer und Bauherren verlangen
Eine Environmental Product Declaration (EPD, deutsch: Umweltproduktdeklaration) ist ein standardisiertes Dokument, das die Umweltauswirkungen eines Produkts über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg quantifiziert. Die Grundlage ist eine Lebenszyklusanalyse (LCA) nach ISO 14044, die Deklaration selbst folgt ISO 14025 und im Baubereich der europäischen Norm DIN EN 15804.
EPDs werden von unabhängigen Instituten verifiziert und veröffentlicht. Das wichtigste Institut in Deutschland ist das IBU (Institut Bauen und Umwelt e.V.). Eine EPD zeigt unter anderem: den CO2-Fußabdruck des Produkts (Global Warming Potential, GWP), Energiebedarf, Wasserverbrauch, Schadstoffpotenziale und Angaben zum Lebensende des Produkts (Rückbau, Recycling).
Mehr zur EPD-Erstellung und zum Prozess lesen Sie in unserem ausführlichen Artikel EPD für Bauzulieferer.
Bauproduktenverordnung (EU CPR)
Die europäische Bauproduktenverordnung (Construction Products Regulation, CPR) regelt, dass Bauprodukte, die auf dem EU-Markt in Verkehr gebracht werden, die CE-Kennzeichnung tragen und bestimmte Leistungsmerkmale deklarieren müssen. Bisher umfasste das vor allem Sicherheits- und technische Eigenschaften. Die Überarbeitung der CPR bringt jedoch Nachhaltigkeitsaspekte stärker in den Fokus: Hersteller müssen künftig auch Umwelt- und Klimadaten für ihre Produkte bereitstellen.
Das bedeutet: Die EPD-Pflicht kommt perspektivisch für viele Produktgruppen durch die Hintertür der CE-Kennzeichnung. Wer jetzt bereits EPDs hat, ist besser vorbereitet.
LkSG und CSRD: Auch in der Baubranche relevant
Großunternehmen in der Baubranche fallen unter das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), das Sorgfaltspflichten für Menschenrechte und Umwelt in der Lieferkette vorschreibt. Parallel dazu verpflichtet die CSRD Baukonzerne zur umfassenden Nachhaltigkeitsberichterstattung, einschließlich Scope-3-Emissionen aus der Lieferkette. Beide Regelwerke erzeugen direkten Datenbedarf bei Zulieferern.

Konkrete Anforderungen, die Bauzulieferer heute schon spüren
Ausschreibungsausschluss ohne Nachhaltigkeitsnachweise
Öffentliche Auftraggeber und zunehmend auch private Bauherren schreiben Projekte mit Nachhaltigkeitskriterien aus. Wer keine EPD hat, wer keine ISO 14001-Zertifizierung vorweisen kann, wer keine Angaben zu CO2-Emissionen machen kann, wird schlicht nicht berücksichtigt. Das ist kein Einzelfall mehr, das ist der neue Standard bei Projekten über einem bestimmten Volumen.
Lieferantenbewertungen und Supplier-Fragebögen
STRABAG, Hochtief und andere Konzerne haben formale Lieferantenbewertungssysteme. Sie erhalten Fragebögen zu Umweltmanagementsystemen, zu sozialen Standards, zu Compliance. Wer diese Fragebögen nicht oder schlecht beantwortet, sinkt in der Lieferantenhierarchie. Wie Sie solche Fragebögen effizient bearbeiten, erklärt unser Artikel zum Ausfüllen von Nachhaltigkeitsfragebögen.
CO2-Daten für Gebäudeökobilanzen
Planer und Architekten rechnen heute Lebenszyklusanalysen für Gebäude. Sie brauchen dafür produktspezifische CO2-Werte. Wenn Sie als Hersteller keine EPD haben und der Planer Ihren Wert nicht kennt, nimmt er entweder einen Durchschnittswert aus einer Datenbank, der oft schlechter ist als Ihr tatsächlicher Wert, oder er nimmt ein Konkurrenzprodukt mit EPD.
Welche Zertifizierungen sind besonders wertvoll?
ISO 14001: Umweltmanagementsystem
Das ist die Grundlage. ISO 14001 zeigt, dass Sie Umweltauswirkungen systematisch managen. Viele Baukonzerne verlangen das als Mindestanforderung von Lieferanten ab einem bestimmten Auftragsvolumen. Ohne ISO 14001 werden Sie in vielen Ausschreibungen gar nicht erst zugelassen.
ISO 50001: Energiemanagementsystem
Vor allem für energieintensive Zulieferer (Ziegel, Glas, Beton, Metall) ein wichtiger Nachweis. ISO 50001 zeigt systematisches Energiemanagement und ist ein starkes Signal für Klimaengagement.
EPD nach DIN EN 15804
Für Bauprodukthersteller ist die EPD nach DIN EN 15804 das wichtigste Instrument. Sie ist kein Zertifikat im klassischen Sinne, sondern eine verifizierte Umweltdeklaration. Aber ihre Bedeutung ist für Bauzulieferer mindestens genauso hoch wie eine ISO-Zertifizierung.
Schritt-für-Schritt: So bereiten Sie sich vor
1. Bestandsaufnahme machen
Welche Zertifikate haben Sie bereits? Haben Sie Umweltdaten für Ihre Produkte? Gibt es bereits eine ISO 14001-Zertifizierung? Haben Sie Emissionsdaten für Ihre Produktion? Schreiben Sie alles auf.
2. Anforderungen Ihrer wichtigsten Kunden klären
Fragen Sie bei Ihren drei wichtigsten Kunden nach: Was werden sie in den nächsten 12 bis 24 Monaten an Nachhaltigkeitsnachweisen verlangen? Welche Standards nutzen sie intern (DGNB, BNB, eigene Systeme)? So priorisieren Sie gezielt.
3. ISO 14001 als ersten Schritt angehen
Wenn Sie noch keine ISO 14001-Zertifizierung haben, ist das der wichtigste erste Schritt. Ein kleines bis mittelgroßes Produktionsunternehmen kann die Zertifizierung in 6 bis 12 Monaten erreichen. Die Kosten liegen je nach Unternehmensgröße zwischen 5.000 und 20.000 Euro.
4. EPD-Prozess starten
Für Bauprodukthersteller ist die EPD-Erstellung der nächste wichtige Schritt. Nehmen Sie Kontakt zum IBU auf oder beauftragen Sie ein LCA-Büro. Der Prozess dauert 6 bis 18 Monate. Kosten: typischerweise 8.000 bis 30.000 Euro je nach Produkt und Datenlage. Mehr dazu im Artikel EPD für Bauzulieferer.
5. Nachhaltigkeitsdaten zentral erfassen
Parallel zu Zertifizierungen und EPDs sollten Sie anfangen, Ihre Nachhaltigkeitsdaten systematisch zu erheben: Energieverbrauch, CO2-Emissionen, Wasserverbrauch, Abfall. Diese Daten brauchen Sie sowohl für Kundenfragebögen als auch als Grundlage für eine spätere EPD.
Praxishinweis: Viele Bauzulieferer unterschätzen, wie lange die Vorbereitung dauert. ISO 14001-Zertifizierung, EPD-Erstellung und Datenerfassung parallel zu starten ist sinnvoll, weil sich die Prozesse gegenseitig unterstützen. Fangen Sie jetzt an, nicht wenn der erste Ausschreibungsausschluss kommt.
Wie Supply Comply Bauzulieferern hilft
Während der ISO 14001- und EPD-Prozess externe Berater und Zeit braucht, können Sie die Grundlagenarbeit intern mit der richtigen Software deutlich effizienter gestalten. Supply Comply hilft Ihnen, Ihre Nachhaltigkeitsdaten zentral zu erfassen und Kundenfragebögen schnell zu beantworten, egal ob von STRABAG, Hochtief oder einem regionalen Generalunternehmer. So müssen Sie bei jedem neuen Fragebogen nicht von vorne anfangen. Mehr zur effizienten Fragebogenbearbeitung lesen Sie in unserem Artikel zu mehreren Nachhaltigkeitsfragebögen effizient beantworten.
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